Bonns oft vergessener Friedhof

Bonns oft vergessener Friedhof

Mit dem Alten Friedhof in der Innenstadt, dem Bad Godesberger Burgfriedhof und dem Poppelsdorfer Friedhof verfügt Bonn über drei aufgrund ihrer Bedeutung, ihres Ambientes oder ihrer Lage herausragende Begräbnisstätten. Nimmt man die noch erhaltenen und historisch weiter zurückreichenden dörflichen Kirchhöfe in einigen Stadtteilen dazu, so ist die Bonner Friedhofslandschaft fast schon eine Reise wert. Dieses historische Erbe überschattet die moderneren Anlagen.

Foto: A. Savin

Foto: A. Savin

So ist Bonns mit Abstand größter Friedhof, der Nordfriedhof an der Kölnstraße im heutigen Ortsteil Auerberg, vielleicht das Aschenputtel. 1884 als offizieller Nachfolger für den nicht mehr erweiterbaren Alten Friedhof eröffnet, hatte er schon einen denkbar schlechten Start. Das war vor allem dem Ort geschuldet. Mehr als drei Kilometer von der Bonner Innenstadt entfernt, lag er jenseits der Ringe am damals äußersten nördlichen Stadtrand. Einen Bahnanschluss erhielt er erst 1906, als die Rheinuferbahn ihren Betrieb aufnahm. In den ersten Jahrzehnten seines Bestehens lag er im freien Feld. Auf dem Weg dorthin passierte man die vor sich hin kokelnde Müllkippe im Bereich des heutigen Sportparks Nord, die Rheinische Provinzial-Irrenanstalt (heute LVR-Klinik Bonn), das Städtische Hilfshospital für Geisteskranke, Epileptiker und Trunksüchtige und das von der Bonner Armenverwaltung betriebene Waisenhaus und Erziehungsheim, das sich in Nachbarschaft zum neuen Friedhof an der Stelle des ehemaligen Leprosenhauses (Isolierstätte für ansteckende Kranke) befand. Und den Zeitgenossen war auch sicherlich noch bewusst, dass die Friedhofsfläche die frühere Richtstätte mit dem Galgen und den Schindanger, auf dem nicht mehr verwertbare Tierkörper entsorgt worden waren, umfasste. Es überrascht daher nicht, dass die damals so genannten „besseren Kreise“ sich woanders um Grabstätten bemühten. Nach 1905 wurde das auch offiziell möglich. Wer „westlich der Eisenbahn“ wohnte, konnte sich auf dem Friedhof des jüngst eingemeindeten Poppelsdorf bestatten lassen. Von dieser Möglichkeit machten die Bewohner der Süd- und der Weststadt reichlich Gebrauch. Der Nordfriedhof wurde so zum Friedhof für die Innenstadt und die Nordstadt. Entsprechend sind die Namen der hier bestatteten lokalgeschichtlich bedeutsamen Familien mit diesem Teil der Stadt verknüpft. Die Grablegen der Professoren und reichen Rentiers entstanden wie auch die vieler Bonner Honoratioren vor allem auf dem Poppelsdorfer Friedhof.

Dennoch hat der Nordfriedhof schrittweise seinen Platz in der Bonner Friedhofslandschaft gewonnen. Als Parkanlage vorbildlich gestaltet und seit 1913 auch mit einer fast kirchengroßen „Kapelle“ versehen, veränderte er sich zum Positiven. Seine dreimalige Erweiterung belegt, dass er dann doch zum Friedhof für Viele geworden ist. Das hat auch der teilweise rücksichtslose Umgang mit seiner historischen Substanz nicht verhindern können. So wurden in den 1960er Jahren bei der Verbreiterung des Hauptzugangs Grabmäler reihenweise abgeräumt, und auch das neoromanische Tor wurde abgebrochen. Im Resultat ist heute die Liste der unter Denkmalschutz stehenden bzw. „erhaltenswerten“ Grabmonumente im Vergleich zur Größe des Friedhofs kurz.

Ein besonderes Kapitel stellt der Charakter des Nordfriedhofs als Ehrenfriedhof dar. Die Anfänge dieser Entwicklung liegen im Ersten Weltkrieg. Heute sind hier nicht nur die deutschen Gefallenen und Bombentoten zweier Weltkriege begraben, sondern auch zahlreiche Zwangs- und Fremdarbeiter sowie Kriegsgefangene. Zunächst ein Ort lokalen Gedenkens, wurden Kriegsgräberstätte und Ehrenfriedhof 1980 zur zentralen „Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland für die Kriegsopfer und die Opfer der Gewaltherrschaft“ (heute in Berlin in der Neuen Wache). Damals wurde die von Hans Schwippert – bekannt als Architekt der Umbauten der Pädagogischen Akademie zum Bundeshaus und des Palais Schaumburg zum Bundeskanzleramt – für diesen Zweck entworfene Bronzeplatte aus dem Hofgarten in den Nordfriedhof übertragen. Zu den peinlicheren Kapiteln der Bonner Stadtgeschichte gehört, dass sie 2017  gestohlen und durch eine Kopie in Sandstein ersetzt wurde.

Als relativ moderner Friedhof war der Nordfriedhof nicht katholisch konsekriert und auch nicht an historische Strukturen gebunden. Daher spiegelt er besser als viele ältere und durch den Denkmalschutz auf einen früheren Zustand festgelegte Anlagen die Entwicklungen, die das Bestattungswesen in der jüngeren Vergangenheit geprägt haben. So ist beispielsweise ein jesidischer Friedhof integriert. Es gibt Gräber, in denen nach griechisch-orthodoxem oder russisch-orthodoxem Ritus bestattet wurde, sowie einen Bereich für im Mutterleib oder bei der Geburt verstorbene Kinder. Und schon seit 1990 verfügt er über ein islamisches Gräberfeld.

Ein Spaziergang über den Nordfriedhof ist daher nicht ganz so interessant, wenn man sich für Kunst, historisch bedeutsame Grabstätten und berühmte Namen interessiert. Vielmehr ist er eine großzügig angelegte Parkanlage, der die Sozialstruktur der Bonner Innenstadt und des Bonner Nordens spiegelt. Dabei sind spannende Entdeckungen nicht ausgeschlossen. So findet man beispielsweise drei Gräber von Angehörigen der Religionsgemeinschaft der Sikh, die mit den britischen Besatzungstruppen nach dem ersten Weltkrieg nach Bonn gekommen waren. Oder auch das Grab des im Namen der islamischen Revolution im Iran 1992 in Bonn ermordeten Sängers und Entertainers Fereydun Farrochsad.

Darüberhinaus ist der Nordfriedhof von ökologischem Interesse. Er verfügt über bemerkenswerte Bäume und aufgrund seiner Größe über einen artenreichen Tier- und Pflanzenbestand. Die Stadt Bonn nutzt ihn mit Unterstützung des Rotary Clubs als Experimentierbereich für „Zukunftsbäume“ – als „Klimahain“.

Man würde sich wünschen, dass die inzwischen seit zwei Jahren andauernden Restaurierungsarbeiten an der Friedhofskapelle endlich abgeschlossen würden. Bis dahin finden die Trauerfeiern in einem unwürdigen Plastikzelt statt. Der Nordfriedhof ist dennoch einen Besuch wert!

Eine Treppe von nationaler Bedeutung

Eine Treppe von nationaler Bedeutung

Die Freitreppe des Alten Rathauses hat bessere Tage gesehen. Ihre großen Auftritte sind rar geworden. Regelmäßig rückt sie nur noch am Karnevalssonntag in den Mittelpunkt, wenn die Karnevalisten zum Rathaussturm ansetzen. Dazu kommen seltene Ereignisse, in denen sie ihre frühere Bedeutung als große Bühne für kurze Zeit zurückgewinnt. So geschehen 2023, als die Telekom Baskets Bonn sich nach dem Gewinn der Champions League von ihren Fans auf ihr feiern lassen durften. Den Marktplatz füllen konnten die Jubelnden bei dieser Gelegenheit genauso wenig, wie die Jecken das am Karnevalssonntag schaffen. Da war Charles de Gaulle schon eine andere Nummer, als er sich am 5. September 1962 ins Goldene Buch der Stadt eintrug und danach unter Begeisterungsstürmen zusammen mit Konrad Adenauer auf die Freitreppe hinaustrat. Der Markt und der Bischofsplatz waren schwarz von Menschen, die bis weit hinein in die Sternstraße und die Wenzelgasse standen. Nach einer frei und auf Deutsch gehaltenen Rede schritt der damals akut attentatsgefährdete französische Staatspräsident zum Entsetzen seiner Sicherheitsleute die Treppe hinunter und nahm dann das, was wir heute ein Bad in der Menge nennen.

Vergleichbares hat die Rathaustreppe in Bonner Hauptstadtzeiten immer wieder erlebt. Von Theodor Heuss, der sich unmittelbar nach seiner Wahl zum ersten Bundespräsidenten von hier an das deutsche Volk wandte, über Kennedy 1963 und die Queen 1965 reicht die Liste bis hin zu Gorbatschow im Jahr 1989. Längst nicht alle Anlässe waren so spektakulär, und im Verlauf der Zeit zog auch Routine ein. Staatsbesuche waren, anders als noch in den sechziger Jahren, Alltag geworden. Trotzdem blieb die Rathaustreppe so etwas wie die Bühne der Bonner Republik. Der Grund war profan: Das Regierungsviertel lag abseits und es verfügte – Provisorium, das es war – über keine repräsentative Versammlungsfläche. Der Markt half aus.

Das gilt im übrigen auch für Demonstrationen. Bis in die achtziger Jahre hinein, als die Proteste gegen die Nachrüstung aufgrund ihres schieren Umfangs in den Hofgarten ausweichen mussten, war der Bonner Markt der wichtigste Demonstrationsort der Bundesrepublik Deutschland. Die Rathaustreppe spielte auch da manchmal eine Rolle – die vielleicht unrühmlichste am 10. April 1973, als Mitglieder der K-Gruppen im Schutz einer Studentendemonstration gegen den Besuch des südvietnamesischen Präsidenten in Deutschland das Rathaus stürmten – die Bedeutung dieser Begriffe für den Karneval mag ihnen nicht bewusst gewesen sein – und seine Einrichtung zu Klump schlugen. Danach ließen Sie sich, auf der Treppe stehend, von den Demonstranten feiern. Wir wohnten damals am Belderberg, und ich kann mich noch daran erinnern, wie die Demonstranten, im Sprunglauf untergehakt, vom Suttnerplatz kommend in die Rathausgasse einbogen und dabei den Namen Ho Chi Minhs skandierten. Der Rest ist Geschichte.

Revolutionär war es auf der Treppe schon viel früher: Am 20. März 1848 z.B. marschierte Gottfried Kinkel an der Spitze eines Zuges von Bürgern, Professoren und Studenten. Bewaffnet mit einer schwarz-rot-goldenen Fahne bestieg er die Freitreppe des Rathauses und sprach, wie Carl Schurz es ausdrückte, mit „wundersamer Beredsamkeit“. Weniger lebhaft ging es am 24. Oktober 1923 zu, als um 6 Uhr morgens, bezeichnenderweise fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit und unter dem Schutz französischer Soldaten, die „Rheinische Republik“ durch örtliche Separatisten von der Treppe aus proklamiert wurde. Der Spuk war mangels Unterstützung durch die Bevölkerung bald vorbei.

Die Bedeutung, die der Bonner Markt vor der Kulisse des Rathauses und mit der Rathaustreppe als natürlicher Bühne einst hatte, ist heute fast in Vergessenheit geraten. So erklärte der SWR jüngst, de Gaulle habe seine Rede im Hofgarten gehalten. Und Bonn erinnert sich auch nur hin und wieder an die Möglichkeiten, die das Rathauspanorama bietet. Ein großes Fest, bei dem die Bühne das Alte Rathaus verdeckt, ist eine vertane Chance. Am meisten aus den Möglichkeiten machen heutzutage noch die Brautpaare, die sich an dieser historischen Stätte trauen lassen. Gerne nutzen Sie die Freitreppe für das Spalier ihrer Gäste und bewahren so etwas von dem Charme des Ortes. Dumm nur der Ladeverkehr, der die schönen Bilder immer öfter stört. Dieser Eindruck mag subjektiv sein.

Hier erfahrt ihr mehr über die deutsch-französischen Beziehungen und de Gaulles Besuch in Bonn.