Karl Joseph Simrock
Wie aus einem Richter am Kammergericht Berlin ein Bönnsches Original wurde

Als Anwohner der Simrockallee in Plittersdorf habe ich mich jüngst mit dem Namenspatron meinerAdresse beschäftigt und stieß auf eine faszinierende Persönlichkeit.Als 13. Kind des Musikverlegers und Beethovenfreundes Nicolaus Simrock 1802 in Bonn geboren,schloss Karl Simrock das französische Lycée in Bonn ab und studierte ab 1818 als 16-jähriger (!) ander soeben gegründeten Preußisch-Rheinischen Universität zu Bonn Jura. Neben der Juristerei hörtder junge Karl aber auch Vorlesungen August Wilhelm von Schlegels und Ernst Moritz Arndts überLiteratur und Geschichte und freundet sich mit Heinrich Heine und Hoffmann von Fallersleben an.Nach Fortsetzung des Studiums in Berlin und Bestehen des ersten und zweiten Staatsexamens wählter die Richterlaufbahn am Königlichen Kammergericht, obwohl er schon während des Jurastudiumsmehr Interesse an altgermanistischer Literatur als an rechtlichen Fragestellungen hatte. So übersetzteer 1827 als Rechtsreferendar -nebenher(!)– das Nibelungenlied ins Neuhochdeutsche, was ihm dasWohlwollen seines Berufskollegen Goethe eintrug. Die letzte, 46. Auflage, stammt aus dem Jahr 1950.Seinen außerordentlich illustren Bekannten- und Freundeskreis hier aufzuzählen würde den Rahmendieses „Bonn-Weekly“ sprengen. Stellvertretend seien hier nur Jacob und Wilhelm Grimm, Adalbertvon Chamisso und Ludwig Uhland genannt.Dann aber begeht Karl Simrock 1830 den Fehler, im Rahmen seiner lyrischen Publikationen dasGedicht „Drei Tage und drei Farben“ zu veröffentlichen. Darin feiert er die im selben Jahr zum Sturzder Bourbonen führende Pariser Juli-Revolution als „großartigen Vorgang“. Die Folge: fristloseEntlassung aus dem Richterdienst Preußens wegen politischer Unzuverlässigkeit. Der Leser maggewisse geschichtliche Parallelen zum sogenannten „Radikalenerlass“ der Bundes- undLandesregierungen vom 18.Februar 1972 erkennen.Nach dem Tod des Vaters zieht es ihn 1832 wieder in seine Heimatstadt, wo er sich mit demumfangreichen Erbe des Vaters (ein Haus in der Maargasse -heute Oxfordstraße- und umfangreicheLändereien in Poppelsdorf, Kessenich, Endenich, Lengsdorf, Dottendorf und Bonn) sowie dem großenVermögen seiner Frau Gertrud Ostler das Leben eines wohlhabenden Privatgelehrten leisten kann.Ein Glückfall für Bonn! In den nächsten Jahrzehnten wird Karl Simrock als Hans Dampf in allenGassen die Universität und das Geistesleben des rheinischen Provinzstädtchens „aufmischen“Die Simrocks wohnen ab 1834 mit ihren vier Kindern in Gertrudes Haus Acherstraße 13, zwischenMarkt und Münsterplatz gelegen (im letzten Krieg zerstört). Karl kauft seiner Schwester dasNeunkichensche Weingut auf dem Menzenberg bei Honnef ab und errichtet dort das berühmte „HausParzival“. (Das heute unter Denkmalschutz stehende Haus Menzenberg 9 in 53604 Bad Honnef kannvon außen besichtigt werden.) Dort verbrachte Simrock fortan die Sommermonate, kelterte seineneigenen Rotwein „Menzenberger Eckenblut“, benannt nach einer Figur aus der Dietrichsage, undfeierte rauschende Feste mit Freunden aus nah und fern.Er promoviert, habilitiert sich erst als außerordentlicher, später als ordentlicher Professor für deutscheLiteraturgeschichte und wird schließlich Dekan der philosophischen Fakultät der Uni Bonn. KarlSimrock schreibt Heldenbücher, übersetzt mittelalterliche Literatur, z.B. Walter von der Vogelweide,bearbeitet Shakespeare-Dramen für das deutsche Theater und schreibt Reisebücher über dasRheinland. Als Volkskundler wird er dem breiten Publikum als Verfasser der „Bonner Faschingslieder“und des „Bonner Idioticons“, einer Sammlung von Wörtern und Redewendungen der Bonner Mundart,und als Mitglied des literarischen „Maikäferbunds“ bekannt.Literarisch unsterblich machten ihn, den großen Rheinromantiker, seine „Rheinsagen aus dem Munddes Volkes“ und vor allem sein Gedicht „Warnung vor dem Rhein“, das ich Euch nicht vorenthalten willund deshalb nachstehend zitiere.Karl Joseph Simrock starb am 18. Juli 1876 in Bonn und wurde auf dem Alten Friedhof in Bonn zurletzten Ruhe gebettet.Frank Weindorf

Warnung vor dem Rhein
„An den Rhein, an den Rhein, zieh’ nicht an den Rhein,
Mein Sohn, ich rathe Dir gut;
Da geht Dir das Leben zu lieblich ein,
Da blüht Dir zu freudig der Muth.
Sieh’st die Mädchen so frank und die Männer so frei,
Als wär’ es ein adlig Geschlecht:
Gleich bist Du mit glühender Seele dabei:
So dünkt es Dich billig und recht.
Und die Schiffe, wie grüßen die Burgen so schön
Und die Stadt mit dem ewigen Dom!
Zu den Bergen, wie klimmst Du zu schwindelnden Höh’n
Und blickst hinab in den Strom.
Und im Strome, da tauchet die Nix aus dem Grund,
Und hast Du ihr Lächeln geseh’n,
Und fang Dir die Lorlei mit bleichem Mund,
Mein Sohn, so ist es gescheh’n:
Dich bezaubert der Laut, Dich bethört der Schein,
Entzücken faßt Dich und Graus.
Nun singst Du mir immer: Am Rhein, am Rhein,
Und kehrst nicht wieder nach Haus.“
 
Karl Joseph Simrock