Ein Studentenleben zwischen Repräsentation und Corpskneipe

Kronprinz Wilhelm und sein Studium Generale an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn.

„Indem ich den Namen Bonn am Rhein niederschreibe, steigt der holde Zauber, der um diesen
Namen webt, von neuem vor mir auf.“

So enthusiastisch beschreibt Kaiser Wilhelm II. sein Studium in seinen im Exil in Doorn geschriebenen Memoiren von 1927. Wilhelm studierte vom Wintersemester 1877/78 bis zum Sommersemester 1879 in Bonn. Der jugendliche Wilhelm, damals noch Prinz von Preußen, sollte auf Wunsch seiner Eltern in Bonn eine akademische Ausbildung erhalten. Kronprinz Friedrich hatte auch in Bonn studiert. Doch das Kalkül von Friedrich und Prinzessin Victoria, Wilhelm durch das Studium ein wenig weltoffener und liberaler, kurz gesagt: „englischer“ zu machen, ging nicht auf.

Wilhelm immatrikulierte sich am 24. Oktober 1877 unter der laufenden Nummer 46 an der juristischen Fakultät.
Der Begriff „Studium Generale“ ist auf Wilhelms Kurswahl wirklich anwendbar. So belegte er zwar vorrangig juristische, nationalökonomische und sozialpolitische Kollegs. Dazu kamen aber auch Kurse in Geschichte, deutscher Literatur, Kunstgeschichte, Philosophie, Physik und Chemie und Experimentalchemie. Wilhelm besuchte allerdings fast nie Vorlesungen. Meistens waren es „Privatissimae“, private Vorlesungen unter vier Augen, die Wilhelm in seiner „Studentenbude“, der Villa Frank, erhielt.

Die Villa Frank auf der Coblenzer Straße (seit 1967 Adenauerallee) Nr.39 (1953 bis 1955 für den Neubau der heutigen Universitätsbibliothek abgerissen) war für Wilhelm von seiner Mutter gekauft und eingerichtet worden.
Dort wohnte der Prinz von Preußen zusammen mit seinen zwei Adjutanten in unmittelbarer Nähe zur Universität und vor allem zum damaligen Haus des Corps Borussia in der Kaiserstraße 52.

Dort besuchte er regelmäßig die Mensuren, schaute beim Fechtunterricht zu und machte begeistert bei den Trinkwettbewerben während der Corpskneipen mit. Interessanterweise bestritt er in seinen Memoiren später, an den Saufgelagen seiner Corpsbrüder teilgenommen zu haben.

Als Mitglied des deutschen Herrscherhauses hatte er allerdings auch Repräsentationspflichten. So nimmt er stellvertretend für seinen Großvater, Kaiser Wilhelm I., an Denkmals- und Baueinweihungen, Schiffstaufen und Militärparaden teil. Er vertrat sogar das Haus Preußen bei der Geburtstagsfeier von König Leopold II. von Belgien. Er besucht auch in seiner Bonner Studienzeit regelmäßig seine Großmutter Augusta in der Sommerfrische im Koblenzer Schloss, aber auch seine Großmutter mütterlicherseits, Queen Victoria von England, in Balmoral.

Das eigentliche Ziel seiner Eltern, Wilhelm durch das Studium „englischer“ zu machen, wird insbesondere durch einen seiner Lehrer, den Historiker Prof. Maurenbrecher, konterkariert. Dieser, ein glühender Anhänger Bismarcks, verstärkt in Wilhelm die anti-französische und vor allem die anti-englische Haltung – auch und gerade – gegen seine eigene Mutter. Schließlich gab ihm auch das Corps Borussia keine Gelegenheit, demokratische oder liberale Ideen zu entwickeln. Seine anglophile und liberal eingestellte Mutter ist entsetzt. „Das ganze Studium in Bonn war Zeitverschwendung“, vertraut sie ihrem Tagebuch an.

Seinen Corpsbrüdern von der Borussia hat die Begeisterung für das Verbindungswesen jedenfalls nicht geschadet. Vielen von ihnen hat die Bekanntschaft mit Wilhelm später zu einflussreichen und mächtigen Positionen verholfen.

Hinter dem Aufenthalt in Bonn stand die Idee, den perfekten Herrscher auszubilden.
Doch die Realität sah anders aus:
als Kronprinz Wilhelm nach dem Sommersemester 1879 die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn verlässt, ist er nationalkonservativer, illiberaler, feudaler und antidemokratischer eingestellt als vor seinem Studium.